Augen-Blick bitte!

Spiel mit dem Blick

Neulich war ich in einer neuen Arztpraxis und die Arzthelferin wollte mir ein EKG anlegen. Ich sprach sie an, dass wir uns kennen würden. Daraufhin sagte sie „Ach ja stimmt… ich schau immer nicht ins Gesicht.“ Sie sprach aus, was mir sehr häufig begegnet und auch oft gar nicht auffällt: dass Menschen sich selten ins Gesicht schauen. Bzw. fällt es mir oft nicht bewusst auf, irritiert mich aber trotzdem, denn ich fühle mich nicht gesehen als Mensch. So wie bei der Ärztin, die kurz darauf reinkam, beim Hallo zwar in meine Richtung blickte aber nicht in mein Gesicht und die mit mir redete, während sie meine Akte las.

Vor vielen Jahren ist mir das bereits bei mir aufgefallen, dass ich, wenn jemand mit mir sprach, auf den Mund schaue. So, als ob ich dann besser verstehen würde. Ich musste Augenkontakt regelrecht üben, es fiel mir sehr schwer, in die Augen zu schauen beim Gespräch. Inzwischen weiß ich, dass das seine Gründe hatte. Augen können als bedrohlich erlebt werden. Jeder hatte mindestens eine Situation als Kind, in der er einem bedrohlichen Blickkontakt ausgesetzt war. Ärger oder gar Wut in den Augen seines Gegenübers zu lesen ist für ein Kind überwältigend. Wenn der Blick dann noch von dem Satz „Schau mich gefälligst an, wenn ich mit Dir rede“ begleitet wird, dann kommt noch Scham dazu, dann ist es nicht mal mehr möglich mit den Augen zu fliehen. 

Wir erkennen in den Augen ob jemand ängstlich ist, wütend, verliebt, unsicher, voller Freude, Gier, Hass oder Liebe. Um das zu erkennen müssen wir uns trauen, hinzuschauen. Und uns die Freiheit nehmen, wieder wegzuschauen, wenn es zu viel ist. Und diese Freiheit sollte unbedingt respektiert werden, denn das Wegschauen ist Symptom der inneren Überforderung.

Momentan begegnen wir einander oft mit Maske und mir ist es eine willkommene Übung, mehr in den Augen zu lesen – das herauszulesen, was von der restlichen Mimik verborgen bleibt. Habe ich selbst die Maske auf, dann verstärke ich meine Mimik, damit sie auch außerhalb sichtbar wird. Ich versuche mehr, mit den Augen zu sprechen.

Ob die Ärztin sich von Augenkontakt bedroht fühlt will ich hier nicht erörtern. Vielleicht war es auch einfach nur Erschöpfung oder Gedankenlosigkeit. Oder der Wunsch nach Effizienz. Den erkenne ich manchmal bei mir, wenn ich z.B. in der Küche etwas mache und ein anderes Mitglied meiner Familie kommt und will etwas von mir. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich oft einfach mit meiner Tätigkeit weitermache und antworte, ohne hinzusehen. Oh oh! Klar, manchmal ist es wichtiger, in der Pfanne zu rühren oder den Herd runter zu schalten bevor es brennt…. Aber meistens eben auch nicht. Und dann ist es doch schön, inne zu halten und sich bewusst der kontaktsuchenden Person zuzuwenden und sie anzusehen. Denn dann ist da so ein Moment der Begegnung, ein „Ich sehe Dich“. Mein Geschenk an Dich, dass ich Dich wahrnehme. Und wertvoll auch für mich, die sich ein Stück (Selbst)Bewusstheit schenkt.
Die Situation in der Arztpraxis hat mich jedenfalls wieder daran erinnert, bewusster im Alltag zu sein.

Übung:

Achte mal darauf, wohin Dein Blick schweift, wenn Du mit Kindern/ Kolleg*innen sprichst. Wann schaust Du in die Augen, wann nicht? Welche Reaktion kannst Du bei Deinem Gegenüber sehen (Augen, Mimik, Körper, Sprache?). Was macht das mit Dir? Wann fällt es Dir schwer und wann leicht, jemanden in die Augen zu blicken? Nimm all das einfach wahr, ohne es zu bewerten.

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